Nachts im Museum.

Um „Events“ mache ich einen großen Bogen. Außer um die Lange Nacht der Museen in Hamburg: Die ist toll. Auch dieses Jahr war ich unterwegs, als bekennende Hochkulturbanausin natürlich nicht dort, wo auf großen Tafeln in stillen Räumen erklärt wird, was es hier warum zu sehen gibt. Sondern da, wo man staunen, wundern, bewundern, entdecken, lachen, lästern und notfalls schimpfen kann, ohne dass jemand pssstet. Wo sich spontan Gespräche ergeben, wo man im Schnack etwas lernt, wo Leute etwas zu erzählen haben. Im Hafenmuseum zum Beispiel, wo mein Lieblingsschlicksauger pfeifend und fauchend vor sich hin stampft, während sich die Kaikräne wie Wesen aus einer anderen Welt  in die Wolken recken. Und die Ehrenamtlichen unglaubliche Geschichten vom Klabautermann erzählen. Wer nachlesen will vom letzten Jahr – hier entlang: https://12datesblog.wordpress.com/2016/04/11/nicht-lange-nacht/ Und nächstes Jahr werde ich Ihnen hier rechtzeitig vorher eine Tour empfehlen…

Immer für eine Überraschung (und mehr) gut sind auch die Deichtorhallen. Hier traf ich auf die Hamburger Goldkehlchen: Ein Haufen junger Kerle, die richtig gern singen, auch wenn sie im klassischen Männerchorsinn nicht singen können. Sie sind zuständig für die wahren Fangesänge, laut und leidenschaftlich, mit einem Hauch von Gegröle hier und dort, sehr zur Freude des Publikums. Die Songauswahl ist  genial, mitbrüllkompatibel und herzerwärmend. Das nächste Konzert findet statt am 17. August 2017, 19.30 Uhr im Musikpavillon Planten un Blomen, da müssen wir hin, auch wenn es regnet. Eine Kostprobe gibt es hier, aber Vorsicht: Sie werden geohrwurmt.

Voll der Teller.

Eben noch sitzt die Familie im engsten Kreis friedlich am Osterkaffeetisch und befasst sich konzentriert mit der Schokocreme-Blaubeertorte, da bricht unerwartet Streit aus: Wohin gehen wir essen an Pfingsten? Zum Stadtteil-Griechen? Zu einem anderen Griechen? Muss es denn immer griechisch sein?

Sieben Leute haben Meinungen. Die meiner Mutter zählt ein wenig mehr (sie will ihre Gyros in Sahnesauce, egal wo), die meiner Schwägerin auch, weil sie sie lautstark vertritt. Meine Schwester deutet an, nicht mitzukommen, wenn sie ihren Willen nicht kriegt. Das Töchterchen versucht zu moderieren, ihr Cousin wirft mit zusammengeknülltem Silberpapierkügelchen nach seiner Oma. Mein Bruder macht komische Geräusche, weil er eigentlich auf die Toilette muss, aber nix verpassen will. Und ich, ich hole den Zeigefinger heraus.

Denn im Gegensatz zu allen anderen griechischen Restaurants, die ich so kenne, gibt es in „meinem“ keine riesigen Fleischberge auf riesigen Tellern mit trockenem Reis und ekligen Pommes, sondern richtig leckeres, frisch zubereitetes Essen. Nicht mal das Tzatziki ist von Aldi. Das Wichtigste: Die Portionen sind machbar. Wer sich nicht satt fühlt, fragt nach und bekommt nach. Auch Fleisch. Und wenn es jemand trotzdem nicht schafft, bekommt man die Reste eingepackt. Hier werden keine Lebensmittel weggeworfen. So will ich es haben, wenn ich essen gehe.

Mein Neffe bohrt in der Nase. Meine Schwägerin findet die Portionen generell zu klein. Meiner Schwester schmeckt griechisches Essen eigentlich nicht. Aber bei ihr um die Ecke hat ein neuer Grieche aufgemacht, mit einer ganz süßen Bedienung, da würde sie schon gern. Mein Bruder möchte Kunde König sein. Wenn er auf sein Essen warten muss, nur weil der Laden voll ist: Geht gar nicht. Da muss der Chef doch mal. Findet meine Mutter auch. Der holt immer schon den Mavrodaphne heraus, wenn sie kommt. Ganz netter Kerl. Das Töchterchen tritt mich unter dem Tisch, „schweig!“ heißt das. Ich versuche, mich damit abzufinden, dass ich Pfingsten nur überbackenen Schafskäse bei irgendeinem Griechen essen werde, zwischen staubigen Plastikpflanzen und plüschiger Götterdeko. Klappt aber nicht.

Mein Zeigefinger steht wie eine Eins. Meine Mutter bringt das Eierlikör-Eis. Wir können doch mal etwas Neues ausprobieren, sagt sie.

Gegen die Uhr.

1980 wurde die Sommerzeit verbindlich eingeführt. Der Ölkrise 1973 geschuldet und der Einsicht, dass Energie aus fossilen Brennstoffen nicht uneingeschränkt zur Verfügung steht, wird seitdem zweimal pro Jahr an der Uhr gedreht. Ein Vorläufer der Energiewende also, mit eher nicht so bewusstseinserweiternder Wirkung: Angeblich habe das  Umweltbundesamt festgestellt, dass durch das Vor- und Zurückstellen der Uhren keine Energie gespart würde, weil man zwar weniger Licht brauche, aber dafür mehr heizen würde. Noch lustiger ist die Meinung der deutschen Energiewirtschaft (!), die angeblich seit Jahren keine Einsparungen durch die Sommerzeit erkennen könne. Meine Augenbrauen fragen sich einmal mehr, was die denn da eigentlich gemessen haben.

Seit 37 Jahren, eigentlich seit 39 Jahren (da wurde es probeweise eingeführt), startet nun alljährlich im Frühling das große Geheul aufs Neue: Jetzt muss man also wieder eine Stunde früher aufstehen, obwohl man abends eine Stunde länger wachbleibt. Rehe und Wildschweine werden überfahren, weil die nun mal nicht früher aufstehen und direkt in den Berufsverkehr geraten. Auch die Fütterungszeiten für das liebe Vieh sind betroffen, und so quält sich ganz Deutschland mit einmal einer Stunde Schlafentzug und einer Stunde früher Frühstück herum. Die Allgäuer Milchbauern sollen eine Lösung für das Problem gefunden haben: Weil ihre Milchkühe etwa zwei Wochen für die Umstellung der Melkzeiten brauchen, lassen sie sich einfach zwei Wochen Zeit mit der Umstellung. Das kann sich natürlich nicht jeder leisten. Schlimm.  Und dann noch die armen Menschen, die trotzdem  mit dem Auto zur Arbeit fahren müssen – der ADAC warnt vor Verkehrsunfällen. Schlimmschlimm.

Die große Müdigkeit ist das Gesprächsthema heute. Ich freue mich darauf, mich wie jedes Jahr unbeliebt zu machen, weil mir das gar nichts ausmacht. Und unschuldig zu fragen, ob die Umstellung auf die „normale“ Zeit im Herbst denn auch so viele Probleme verursache? Und wie man denn den Wechsel in eine andere Zeitzone verkrafte, bei Reisen zum Beispiel. Überhaupt Reisen: Wer ist noch nie mitten in der Nacht aufgestanden, um den Flieger morgens um 6 Uhr zu erreichen? Urlaub im Eimer, oder?

Ich mag Sommer und ich mag Sommerzeit. Schlimm?

Außer Konkurrenz.

Frank Otto ist einer von den Guten. Und er hat Geld. Das eröffnet ihm jede Menge Chancen, Gutes zu tun. Und selbst wenn er weniger Gutes tun würde, wäre er ein Guter. Dieser Herr Otto macht einfach, was er will (auch mit seinem Geld), und das ist sicher ein nicht unwesentlicher Teil seiner Attraktivität. Er kann Meeresschildkröten retten oder seiner Freundin Ohrringe für 85.000 Euro kaufen. Von dem Geld könnte man sicher auch ein paar mehr Meeresschildkröten retten, aber man kann ihm nicht vorwerfen, dass er sich nicht engagiert. Da gibt es ganz andere.

Nun verknallt sich dieser Mann in ein Mädchen, das 40 Jahre jünger ist als er. Gerade eben volljährig ist sie, hübsch und von einer skrupellosen Mutter früh auf eine Karriere als Model und Gattin reicher alter Männer getrimmt. Glück hat sie, als sie auf den reichen alten Herrn Otto trifft, der auf Konventionen scheißt und sie zur „Charity Lady“ umschulen will. Auch wenn sie gar nicht versteht, was das bedeutet. Aber sie kann ja schon mal hübsche Photos von sich machen lassen, für alle Fälle. Und der Herr Otto zieht einen Anzug an und bekommt ein Bussi dafür.

Mich geht das nix an, außer, wenn die beiden mit einem Fernsehteam auf die Seychellen fliegen und ich deshalb „Goodbye Deutschland“ einschalten muss: Diese Inseln lösen in mir Heimweh und Fernweh aus. Und so blieb es mir leider nicht erspart zu sehen, wie Herr Otto sich zum Narren macht. Schaden wird ihm das nicht, er hat halt Geld, das wird ihm auch über üble Gören (und ihr über üble Nachrede) hinweghelfen. Aber ich frage mich schon,  an was ich mich eigentlich so störe? Kann doch jeder lieben, wen er bzw. sie will.

Was wäre denn, wenn dasselbe Mädchen nicht Model-Ische, sondern Greenpeace-Aktivistin wäre? Oder Bergsteigerin? Oder wenigstens Kräuterhexe?  Ich würde das Paar feiern. Muss also das Dornröschen zum Prinzen  passen, damit ich zufrieden bin? Sollte ich nicht viel eher feiern, wenn zwei sich lieben, die so gar nicht zueinander zu passen scheinen? Und warum sollten die denn auch noch sympathisch sein?

Ich bin dann mal für Fratalie. Aber bitte haten Sie mich deshalb nicht. Ich kucke ja auch gern den European Song Contest.

PS: Alle meine Photos sind privat. 

Best of both Worlds.

Gerade als Ökotante weiß man ja den Luxus zu schätzen, den der Markt nachfrageorientiert präsentiert: Handgeklöppelte Sonntagsbrötchen nach altem Rezept von einem engagierten Startup, ein nachhaltig sauberes T-Shirt einer regionalen Manufaktur, liebevoll unlackiertes Holzspielzeug für das niedlichste aller Babys. Für die Kleinen ist uns ja eh nix zu teuer, und wenn man sich mit ein paar Dollar mehr auch gleich noch ein gutes Gewissen zulegen kann – warum nicht.

Und dann hat mich ein Satz aus einem Beitrag bei docvogel.wordpress.com kalt erwischt, aus einem Laos-Reisebericht, „In the Cloud“: „Vor allen ökologisch nachhaltigen und gesellschaftlich nützlichen Fortschritten soll gefälligst jeder seinen Enkeln mehr blödes Plastikspielzeug, gefälschte Markenturnschuhe, ein eigenes abgaspestendes Moped und ein Haus mit Innenklo aus Beton statt aus Lehm und Binsen kaufen können.“

Plastikscheiss ist böse, zweifellos. Und trotzdem freue ich mich, dass meine Tochter und ich auch mitten in Deutschland für ganz kleines Geld unglaublich bunte Buntstifte, irrsinnig glitzernde Notizblöcke, grell quietschende Söckchen kaufen konnten – alles made in Asia, giftig, umweltschädigend, alles glücklich machend. Ohne solche Wunderläden hätte ich ihr damals kein Tamagotchi-Plagiat, keine blinkenden Plateau-Schuhe und keine Powerranger-Zopfspangen schenken können. Kurz, ich hätte ihr ihre Kindheit versaut. Und ich selbst wäre nie in den Besitz einer Armbanduhr mit irisierendem Dino-Auge auf dem Zifferblatt gekommen.

Kürzlich habe ich einem jungen Syrer ein neues altes Bahnhofsfahrrad abgekauft. Zum Abschluss des Kaufvertrags lud er mich in seine Wohnung ein, bot mir Tee und eine selbstgebastelte kleine Köstlichkeit aus Kokos, Keks und Schokolade an (für die ich in einem Café ohne zu zucken 3,50 Euro gezahlt hätte, soviel zum Thema Geschäftsideen.) Als ich mich in dem karg ausgestatteten Mini-Zimmer umsah, folgte er meinem Blick und präsentierte dann mit leuchtenden Augen zwei abscheulich bemalte Plastikfigürchen in arabischen Gewändern – ein Geschenk eines Kollegen. Definitiv keine Handwerkskunst aus Damaskus. Aber trotzdem.

Lassen wir die Containerriesen mit dem Müll ruhig kommen. Und wer es sich leisten kann, muss ja nix davon kaufen.

Eine Frau.

Zuviel Nachmittagssendungen gekuckt, infektbedingt: Shopping Queen, Schrankalarm, Zwischen Tüll und Tränen. Heute morgen von einer Dame in der Bahn mit Dreck von unter ihren Fingernägeln beschnipst worden, versehentlich natürlich. Ich denke, ich sollte mich derzeit nicht zum Internationalen Frauentag äußern.

Aber von meiner Mutter möchte ich Ihnen erzählen. 1933 unehelich geboren, folgte sie meiner Großmutter auf der Suche nach dem Glück in schwere Zeiten. Fremde Männer, noch schwerere Zeiten. Zwei weitere uneheliche Geschwister, meine Mutter war als Älteste in der Pflicht. Sie verdingte sich als Haushaltshilfe, als Magd, eine kleine Weile war sie in der Küche von „der Fita“ Benkhoff, einer Schauspielerin. Die war nett. Aber als meine Großmutter heiratete, musste sie mit. Dann starb meine Großmutter,  viel zu spät nahm eine entfernte Tante meine Mutter auf, um sie vor den Misshandlungen des Stiefvaters zu schützen. Sie schlug sich durch, irgendwie. 1957 heiratete sie meinem Vater in München: Zwei, die sich nach Liebe und Frieden sehnten, hatten sich gefunden. Drei Kinder bekamen sie, das Wirtschaftswunder bescherte Fernseher und Stereotruhe, Liebe und Frieden aber fanden sie nicht. Sie blieben zusammen, weil sie sich nicht trennen konnten. Waren enttäuscht, bitter, böse miteinander. Als mein Schwager 1993 ums Leben kam, da gingen sie Hand in Hand zur Beerdigung und weinten. Goldene Hochzeit 2007, ertragen aber konnten sie sich nur noch in der Not. 2012 starb mein Vater, meine Mutter blühte auf: Sie ging tanzen, sie las Bücher (am liebsten dicke, dramatische Liebesromane), sie lachte sich Verehrer an. Sie lachte. Einer der Herren steht noch heute fest an ihrer Seite, aber einziehen darf er nicht. Vor einem Jahr haben brutale Räuber ihr die lieben alten Knochen gebrochen. Weißwürscht habe ich ihr in die Klinik gebracht, damit sie überhaupt etwas isst. Laufen kann sie nun nicht mehr so gut. Der graue Star ist operiert, sehen kann sie nun aber auch nicht mehr so gut. Auf einem Ohr ist sie taub. Doch sie lacht wieder. Und wie.

Wie lange wusste ich nicht, dass meine Mutter lesen kann. Dass sie gern StadtLandFluss spielt. Und dass sie es nicht mag, wenn man sie an den Händen hält. Aber dass sie immer noch lacht.  Ein unglaublich ansteckendes Lachen. Ich habe keine Ahnung, wie sie das macht.