Über Schotty und meine Fangzähne.

Den Schotty kennt man natürlich. Aus dem Fernsehen. Und wer ihn noch nicht kennt, dem sei „Der Tatortreiniger“ ans Fernbedienungsherz gelegt, eine Grimme-Preis-gekrönte Serie des NDR. Eine der besten Folgen zeigt seine Begegnung mit einer Verganerin, und der Moment, als ihn danach die Bärchenwurst auf seinem Brötchen angrinst, bleibt mir unvergessen.

Ich muss ein kleines Kind gewesen sein, zu Besuch auf dem Land bei meinen Großeltern. „Heute kannst Du mal sehen, wie Omawurst gemacht wird.“ sagte mein Vater. Omawurst war eine Art Leberwurst mit Stücken, gab es jeden Abend zu Hause aufs Brot, köstlich. Alle Tanten und Onkel waren da, fröhlich und voller Erwartung. Ohne dass ich mich noch an Details erinnern kann, darf ich doch verraten, dass ich seitdem nie wieder Leberwurst  gegessen habe. Es spricht allerdings nicht für meine Intelligenz, dass ich sonst (bis auf Gemüse natürlich) alles gegessen habe, was zu Hause auf den Tisch kam: Meine Eltern haben da sehr geschickt agiert. Erst viel später kapierte ich, dass Schnitzel, Frikadellen und Co. nichts anderes als Omawurst waren. Lange vegetarische Phasen folgten, und immer wieder Rückfälle (Mutters Rindfleischrouladen, Hühnchenbrust vom Grill, Cevapcici), Scham und Appetit. Es gab den Beschluss, nicht nur das zarte Muskelfleisch, sondern – wenn schon, denn schon – alles, was ein totes Tier hergibt, zu essen. Das bewirkte übrigens exakt das Gegenteil: Schon der Gedanke an Haut, Fett und Innereien löst Kotzreiz aus. Der Gedanke an Kartoffelsalat mit Würstchen – leider nicht.

Als ich Mama wurde, war klar: Wenn es nötig wäre, Tiere zu fangen und zu töten, würde ich es tun. Und das begründet für mich letztlich die Entscheidung, überhaupt Fleisch zu fressen.

Der liebe Schotty auch. Wir haben dennoch beide sehr gute Gründe, weniger Wurst zu essen. Meine kennt Ihr. Seine könntet Ihr Euch gelegentlich ansehen :-).

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Lost im Supermarkt.

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Wochenendeinkauf – heute mit dem Fahrrad. Das Auto sprang nämlich nicht an. Soviel zu guten Vorsätzen, wenn man eine Kiste Sprudelwasser holen möchte. Mit Baumwollbüdel und Sonnenschein im Herzen radelte ich los.

Statt Milch Mandelmilch – check. Statt Butter Margarine – check. Statt Frischkäse und Fruchtjoghurt – Sojazubereitung? Nix da. Die Bohne und ich, wir mögen uns nicht. Wie angeknipst sehe ich plötzlich glückliche Kühe auf glücklichen Weiden vor mir, eine frische Brise weht mich von der Kühltheke an, und meine Lieblingssorten (Bircher Müsli und Zitrone) zwitschern mir zu. Nö, sage ich mir, wenn schon, denn schon: Bio muss sein. Und siehe da: Es gibt! Ein Mango-Vanille-Joghurt lächelt mich verführerisch an. Dass die Mango keine heimische Frucht ist und die Vanille aus Madagaskar stammt – hej, ich bin doch mit dem Radl da! Eine schnelle Emissionshochrechnung fällt zugunsten des Joghurts aus. Ein echter Kuhhandel. Selter in Glasflaschen – check. Zwei Liter müssen reichen, mehr wär zu schwer. Nudeln ohne Ei – check. Mittagessen – Lachs in Sahnesauce? Gefüllte Auberginen, mit Käse überbacken? Apfelpfannkuchen? Ich entscheide mich seufzend für Spaghetti mit Tomatensauce, dazu Feldsalat mit Walnüssen und Apfelstückchen. Noch ein Seufzer, und ich packe statt der pinkbackigen Neuseeländer die Kühlhausschönheiten aus dem Alten Land ein. Sind ja auch lecker. Jetzt noch Zartbitterschokolade statt fettfreies veggie-Weingummi in quietschbunt-ekelig und ich bin fast bereit, das Experiment abzubrechen.

Muss noch viel lernen. Ja, auch zu verzichten. Und rein technisch gesehen: Die richtigen Läden zu finden und die richtigen Sachen zu kaufen. Es gibt glücklicherweise jede Menge Inspiration im Netz. Und sobald ich weiß, wie man Seiten verlinkt, werde ich das zeigen und mich auch bei der patenten ica von https://upcycleonyourown.wordpress.com/2015/04/15/liebster-award/on anständig bedanken. Aus Gründen <3.

Gemüse kommt von „muss man essen“.

Gemüse. Das waren in der Küche meiner Kindheit immer die „gesunden“ Beilagen: Es gab Leipziger Allerlei und Salzkartoffeln zu Frikadellen, Bohnen zum Schnitzel und Tomatensalat zu Semmelknödeln. Ungeliebtes buntes Zeug. Wehe, wenn da Blumenkohl auf dem Teller lag. Und wie sehr fürchtete ich mich davor, blind zu werden, weil ich Möhren verweigerte. Nur Rosenkohl, den mochte ich. Wenn er nicht quietschte.

Als ich Mama wurde, traf ich eine kluge Entscheidung und überließ das Kochen der Oma, den Nachbarinnen, dem Kindergarten, auch dem einen oder anderen Mann in meinem Leben. Bei mir gab es Spaghetti Bolognese, Nudelsalat und Tiefkühlpizza mit Extra-Käse. Eine gute Strategie: Mein Tochter liebt Gemüse!

Nun muss ich nur noch für mich selbst sorgen. Und weil ich 100 Jahre alt werden will, mache ich mich auf, die regionalen Gemüsesorten neu zu entdecken. Topinambur, Pastinaken, Mangold und Butterrüben? Keine Ahnung, nie gegessen. Kohlrabi? Uh. Schwarzwurzeln? Äh. Wirsing? Ih. Liebe geht durch den Magen, deshalb werde ich erst einmal Rezepte googeln. Und dann bis zum 21. April an garten@mopo.de schreiben, warum ich unbedingt einen Biogarten gewinnen muss. Liebe Hamburger Leute, macht mit! 45 qm auf dem Eggers-Hof in Kirchwerder werden verlost, ernten kann man dann 20 verschiedene Gemüsesorten. So muss das :-). 

 

Vom freundlichen Orangenkuchen.

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Als meine Tochter nach Hause kam, war das gute Stück noch im Backofen. Sie hob die Nase, schnupperte: „Orangenkuchen?! Der duftet ja lecker!“ Und dann machten wir es uns in der Küche mit einer Tasse orientalischem Gewürztee gemütlich und behielten den Kuchen im Auge. Warteten, dass er wohl aufgehen möge. Kontrollierten unruhig den Handytimer. Prüften die Temperatureinstellung. Ließen noch ein bisschen länger im Ofen. Ach ja, der Stäbchentest! Oh oh, schnell ´raus mit ihm!

Das wohlriechende (flache) Prachtstück wurde dann beträufelt, nach eingehender Beratung unter energischem Klopfen (in zwei Teilen) aus der Form gelöst, noch mehr getränkt und während des Auskühlens voller Verlangen umkreist. Und dann haben wir ihn aufgegessen, den saftigen, kleinen, aromatischen Kuchenbraten. Und kein Mensch hat die gute Butter vermisst :-). Hier ist das Rezept:

Zwei Eier, Saft und abgeriebene Schale von zwei Orangen, 70 g Orangenmarmelade (Achtung: leicht bitter. Muss man mögen.) und knapp 100 ml Sonnenblumenöl gut verrühren. Je 30 – 40 g Zucker und Kokosraspel (nach Vorliebe), 50 g Mehl, 100 g Hartweizengrieß, 1 EL Mandelmehl  und einen Teelöffel Backpulver erst miteinander und dann mit dem flüssigen Teig vermischen. Der ist dann immer noch ziemlich flüssig, aber fertig. Ab in den Ofen bei 180 Grad (vorgeheizt) für bis zu 60 Minuten.

Getränkt werden soll er mit bis zu 100 ml Sirup. Man kann Orangensaft, Wasser, Fanta, Orangenlikör verwenden, je nach Lust und Laune. Süß soll er sein, das Rezept sieht bis zu 100 g Zucker vor. Ich habe Wasser, einen kräftigen Schuss Grand Marnier und 80 g Zucker kurz aufgekocht, aber längst nicht alles aufgebraucht. Beim nächsten Mal werde ich den Kuchen vor dem Tränken aus der Form holen, dann gelingt das hoffentlich unfallfrei. Und weil Kokosraspeln das Sahnehäubchen auf der Orange sind, darf es davon künftig etwas mehr sein. Und von Genuss ohne Tierquälerei auch.

Sieben Sachen.

Ein Stück selbstgebackener Apfelkuchen von meiner Mutter, dazu ein Glas Milch – näher kann man dem Himmel kaum kommen. Goldgelb und saftig ist er, zart und fruchtig. „Es kommt auf die Zutaten an“, sagt meine Mutter, „das ist das ganze Geheimnis.“

Was sie meint, das sind gute Äpfel, gute Butter, gute Eier und Milch. Kann denn ein Kuchen ohne Butter, Eier und Milch überhaupt schmecken? Ich möchte es heraus finden und bat zwei Kolleginnen, deren Backkünste weit über unsere Abteilung hinaus berühmt sind, um Rezeptvorschläge. Bedingung: Ich möchte nur mit natürlichen Zutaten backen, die ich in jedem Supermarkt bekomme. Keine Ersatzprodukte aus Bohnen, Pilzen oder anderen merkwürdigen Substanzen, bitte. (Jaja, im Internet finden sich genug vegane Rezepte. Aber mir ist eine persönliche Empfehlung lieber, denn mein erster tierlieber Kuchen soll doch gelingen!)

Und da stand ich nun mit Bio-Orangen, Marmelade, Hartweizengrieß, Kokosraspeln, gemahlenen Mandeln, Zucker und Weizenmehl im Einkaufswägelchen vor dem Regal mit den Eiern und wollte gerade zugreifen, als – „Eier?“ Ich wollte doch. Nicht. Soll ich nun. Doch? Was nun? Was tun?

Ich entschied mich für einen Besuch auf dem Hof „Neun Linden“ in Billwerder. Die haben Hennen, Hähne, Bodenhaltung und ganz viel Bio im Herzen und auf dem Feld. Dann wird mein erster veganer Kuchen eben nicht hundertprozentig vergan – damit kann ich leben. Heute pack ich (Eier ein), morgen back ich (Orangenkuchen). Und nächstes Wochenende besuche ich die Neunlindenhühner wieder: Die sind nämlich richtig süß!

In den Tag radeln.

Kalter Morgen, rosa Sonne, der Sattel ist feucht. Aufsteigen, los geht´s: Die Häuser der Siedlung fliegen vorbei, das erste knospige Grün, die hellen leuchtenden Blüten der Mandelbäume. Der Frühling schmilzt die Pudelmützen weg. Die Kinder auf den Wegen lassen sich nicht stören, schwatzend und schwer an ihren Ranzen schleppend trudeln sie zum Unterricht, die Jungen lauter, die Mädchen in pink, rot und lila. Dort, vor der Grundschule, wo sich die Straße verengt, um einen sicheren Übergang zu gewährleisten, in der Tempo-30-Zone, rauscht ein SUV viel zu schnell heran, bremst, die Fahrerin beschimpft mich wütend, sie habe Vorfahrt. Weil das kein Grund ist, mich zu überfahren, brüllt sie mir zu, sie hätte mich gerne überfahren, zwei Mal. Die Begleitmamis schauen besorgt herüber, ich fahre schnell weiter. Am Fleet vorbei, Möwen und müde Enten aufscheuchend, dem Bahnhof zu, die Nase tropft und die Augen tränen, die frische Luft tut gut, so gut. Ein Sprint, um die Ampel bei grün zu passieren, dann wird das Radl abgestellt und es geht mit der S-Bahn zur Arbeit.

Es ist mir egal, ob Fahrrad fahren gesund ist. Ökologisch wertvoll. Umweltfreundlich. Es macht einfach unglaublich viel Spaß, damit durch die Gegend zu flitzen. Um man ist nie zu alt, um freihändig fahren zu üben.