Kauft mehr Äpfel.

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Ende November (kalt!kalt!kalt! und nass wahrscheinlich auch) fahre ich von Hamburg nach Berlin, renne den ganzen Tag mit wichtigen Leuten herum, werde abends „empfangen“, am nächsten Tag Besichtigungen, mittags in den Zug und dann quasi auf der Hypotenuse durchs Land, um einen Mann zu interviewen. Nicht irgendeinen Mann, sondern einen der aufregendsten Männer des Planeten. Nein, nicht Obama. Auch nicht David Garrett.  Eher – überirdisch. Vielleicht kein Traummann, aber einer, von dem ich träume.

Ich sollte mich also warm anziehen. Bequem. Anständig. Hauptstadtstyle. Elegant. Party/Afterpartytauglich. Und dann sollte ich – nach einer langen Bahnfahrt – möglichst 10 Jahre flotter aussehen. Mindestens. Und möglichst zum Anbeißen. An dieser Stelle meiner Überlegungen bekam ich Atemnot: Ich HABE NICHTS ANZUZIEHEN!

Deshalb war ich heute in der Stadt – und kam mit einer Tüte knackiger Äpfel wieder nach Hause. Nicht immer nur anprangern, sagte schon die Kollegin. Sei doch ´mal konstruktiv! Schreib auf, wie man die Shoppingsucht stoppt. Als wenn ich das wüsste. Aber wenn man sich an folgende Tricks hält, dann geht’s eigentlich…

  • Alles anprobieren. Das ist mühsam und lästig und vermutlich der Grund, warum online-Shops so erfolgreich sind.
  • Es passt, aber nicht so richtig? Ärmel ein bisschen zu kurz, Abnäher an der falschen Stelle, eine Falte unterm Popo, eine verrutschte Taille? Dann ist es auch egal, ob das Label toll oder der Preis sensationell ist: Weg damit.
  • Wangenprobe: Es kratzt? Weg damit.
  • Nasenprobe: Schnuppern Sie ruhig. Duftet es schön chemisch? Nach Insektizid, Pestizid oder Fungizid? Schnuppern Sie ruhig noch einmal. Den Geruch kriegen Sie auch nach 100 x waschen nicht wieder heraus. Aus Ihrem Kopf.
  • Erinnern Sie sich!  Die Wahrscheinlichkeit, dass es für jeden nur denkbaren Anlass, jedes Wetter, jeden besonderen Auftritt schon ein Lieblingsstück oder ein perfektes Ensemble im Kleiderschrank gibt, liegt bei ca. 99 %. Das ist eine ganz besondere persönliche Kollektion, die Sie da zu Hause haben, echte Werte, handverlesen, sturmerprobt und heiß geliebt. Welche Schätze warten nur darauf, ‚mal wieder mit ihnen spazieren/tanzen/feiern zu gehen?
  • Alleine losziehen. Das muss ich eigentlich niemandem erklären, der nicht schon einmal vom Bummel mit der Freundin oder Kollegin mit übervollen Einkaufstaschen heimgekehrt ist. Zu zweit wird man ganz schön übermütig.
  • Abwarten. Es ist ganz erstaunlich, wie sich Wünsche entwickeln, wenn man ihnen Zeit gibt (oder: Wie man wieder zur Vernunft kommt).
  • Seien Sie wählerisch. Wir kaufen nicht bei jedem. Und keinen Scheiss. Sie wissen schon.

Ach ja. Außer den Äpfelchen habe ich mir auch etwas Nachtblaues geholt. Für alle Fälle.

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Zwischenruf: weiblich, wütend.

  

Ich bin eine Frau.

Und das scheint zu bedeuten, dass jeder Mensch zu wissen glaubt, wie ich ticke. Weil ja alle Frauen gleich ticken. Wir Frauen eben. Interessieren uns für Handtaschen und Schuhe. Kucken am liebsten Liebesfilme. Heulen, wenn eine von uns heiratet. Haben Launen und unsere Tage. Wollen Prinzen und Glitzer. Und das Nest permanent verschönern. Finden unsere Körper unvollkommen. Dürfen unseren Liebsten auf die Nerven gehen. Sind hach! – so emotional. Kommen immer zu kurz. Reden zuviel. Wissen nicht, was wir wollen. Haben Herzen aus Gold, aber freuen uns, wenn Schlampen kriegen, was sie verdienen.

Geht´s noch?

Tee total.

Eigentlich wollte ich über Teebeutel schreiben. Über Supermärkte, die ihre Regale mit wundervoll nach Zimt und Orangen und Glühwein duftenden Päckchen gefüllt und ihnen so gemütliche Namen verpasst haben, dass ich mich beinah fast gar nicht mehr vor den kommenden kalten, feuchten, dunklen Monaten gefürchtet hätte. Und über das Zusatzstoffmuseum in Hamburg wollte ich auch schreiben, das einem den Appetit wirklich verderben kann, aber einen Besuch unbedingt wert ist. Auch über den neu entdeckten Sonnentor-Tee wollte ich schreiben, der seine herrlichen Aromen angeblich handgepflückten Bio-Kräutern verdankt.

Als ich das Teesortiment fotografieren wollte, realisierte ich, dass ich die Finger von diesen künstlichen Aromen lassen sollte. Und was ich eigentlich noch alles nicht zu mir nehmen sollte. Fleisch und Eier nur in bio, wenn überhaupt. Milch nicht, weil wir Muttermilch von unseren Muttis bekommen haben und deshalb weder Kuh- noch Katzen- oder Hundemilch trinken müssen. Getreideprodukte stehen im Verdacht, Bauchweh und Schlimmeres zu verursachen. Alles mit Zucker ist böse, im Umgang mit Salz und Fett ist eh Vorsicht geboten und Alkohol – na ja, in Maßen. Bleiben eigentlich nur Obst und Gemüse, Nüsse und Pilze, sofern bio und regional und keine Allergie. Und ganz bittere dunkle Schokolade.

Erinnern Sie sich noch, wie hungrig man nach dem Schwimmunterricht als Kind immer war? Gerade eben so trocken gefönt, ging es direkt zum Kiosk im Bille-Bad. Dort lagen die Köstlichkeiten der Welt aus, für 1 Mark bekam man eine Riesentüte davon. Der Einkauf wurde sorgfältig geplant, mit großen Augen, das Geld fest in der kleinen Hand, denn wenn man erst einmal an der Reihe war, musste es schnell gehen: „1 Salino bitte. 2 Kokosbällchen. 1 x Hamburger Speck. 1 Lakritzstange.“  Dazu 3 Ufos (aus Esspapier, mit Brausepulver gefüllt), 1 Nappa, 1 Leckmuschel und 1 Weingummischnuller. „Kann ich noch von den Himbeer-Bontjes? Oder einen Kirschlolli?“  Ja, einer geht noch. Es war einmal das Paradies auf Erden.

Ich muss draußen bleiben.

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Denn wenn ich den Laden erst einmal betreten habe, dann werden mich weder gute Vorsätze noch ein leeres Portemonnaie davon abhalten, mir auch in diesem Herbst neue Kleidung zu kaufen: Den kuschelgrauen Poncho mit den Fransen, für die kühlen Abende am Lagerfeuer nach einem langen Ritt durch den Tag. Den schwarz schimmernden Samtblazer, mit dem ich mich noch einmal so erwachsen fühle wie am Tag meiner Konfirmation. Diese dunkelblaue Jeans mit Schlag, die so unglaublich gut zu den cognacfarbenen Boots aus Dänemark passen würde. Und den Wildlederflickenminirock, mit dem ich beim nächsten Old Folks Boogie garantiert die Dancing Queen wäre. Dazu das süße bestickte Blüschen mit den Trompetenärmeln, den riesigen Mantel im Stil eines Wollmammuts, die kleine Umhängetasche mit den eingenähten Spiegelchen, die das Sonnenlicht wie Sommersprossen reflektieren…

Über die Lust und die Mode ist genug geschrieben worden. Über die übervollen Kleiderschränke auch. Nur darüber, wie ich damit aufhören kann, mir immer noch mehr Klamotten zu kaufen, finde ich nix außer Anleitungen zum Unglücklichsein.