Zimt und Zucker.

Nach dem Schneesturm ging in Hamburg ein Wintermärchentag auf. In der Pause wollte ich die kalte helle Sonne spüren und ein Geschenk kaufen: Einen dieser Teelichthalter, unscheinbar von außen, von innen mit glänzendem Kupfer ausgeschlagen, so dass er leuchtet auch ohne Feuer.

Der Laden empfing mich knallhart mit Bing Crosby und „White Christmas“. Mit schmalen Augen sah ich mich um: Weihnachtsdekoration allüberall, Glitzermist im Lichterglanz, hohoho – ein Plastikrentier. Entsetzt zurück ins Freie: Über dem Neuen Wall ist ein elektrisches Sternennetz gespannt, der neongrelle Markt am Jungfernstieg hat eröffnet, falsche Christbäume lügen in jedem Schaufenster. Noch einen Monat bis Heiligabend.

Richtung Hafen lenkte ich meine Füße, und meine Gedanken zu meinem Lieblingsfest. Wie wir früher jedes Jahr schon Anfang Dezember im Weihnachtsbaumwäldchen erwartet wurden vom Pächter, der uns nicht ohne Sorge seine Säge überließ, damit wir unsere „Tanni“ oder „Eric Northman“ finden und fällen konnten, zum halben Preis natürlich. Und der Baum dann bis zum 24. duftend und dunkel glühend  in der Stube stand. Habe ihn nie schmücken wollen, so schön wie er war, aber das Töchterlein bestand auf Traditionen: Unser Allererster war behängt mit ihrem Spielzeug, und wenn auch im Lauf der Zeit einiges dazu gekommen ist: Dabei blieb es.  Der Gottesdienst am Nachmittag, mit Krippenspiel, mit den alten Weihnachtsliedern, tränenüberströmt immer ich, inzwischen heult sie mit. Später das Festmahl, jeder schleppte seine Spezialitäten heran, doch der Kartoffelsalat von meiner Mutter war immer das Beste. Dann saßen wir beieinander, lasen Geschichten und Gedichte vor, der Vater spielte Mundharmonika. Bescherung, laut und fröhlich, kein bisschen besinnlich, nicht mit dieser Familie. Erst danach rückte die Mutter die Mandelkekse mit der Füllung aus Johannisbeermarmelade heraus, als Höhepunkt des Festes. Mein Weihnachtsbuch ist voller Erinnerungen.

Und heute: Der Vater ist tot, die Mutter glücklich mit einem neuen Gefährten. Der kleine Bruder und seine Frau sind auf gutem Wege, der Schwester habe ich alles aufgekündigt. Die Kinder suchen sich ihre Geschenke selbst aus, manchmal dürfen wir sie noch einpacken. Und sonst? Nein, wir schenken uns nix.

Die Türen von St. Michaelis sind geschlossen nach dem Staatsakt. Wär fein gewesen, hätte gerade heute ein Kinderchor geprobt. „Es ist für uns eine Zeit angekommen“, mein Lieblingslied vielleicht. Vor vielen Jahren habe ich versucht, den Nachbarskindern am ersten Advent die Weihnachtsgeschichte zu erklären. Weil jedes Kind ein Wunder ist und alle Welten ändern kann. Doch ihre Aufmerksamkeit galt allein der Kerze und dem Wachs, und dann durften sie damit herumpütschern.

Meine kleine Mutter muss dieses Jahr unbedingt wieder unsere geliebten Doppeldecker backen, gleich ob die krummen Fingerchen schmerzen oder nicht. Und ich habe mir eine Tüte in Zimt und Zucker gebrannte Mandeln vom Weihnachtsmarkt geholt und den Fluss hinuntergeschaut. Wenn man dann die Augen schließt, kann man das Meer hören hier in Hamburg.

Was der ganze Wahnsinn mit Nachhaltigkeit zu tun hat? Na, nichts.

  
   

 

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Klar wehen.

Heute wollte ich klar wehen. Mit dem Radl hinaus an die Elbe zum Zollenspieker, oben auf dem Deich entlang. Unerhörte Wünsche im Wind waschen. Und in Liedern. Und im Lachen der Kinder. So, wie der Capitano es mir geraten hat.

Doch dann fing es an zu schneien in Hamburg. Richtig doll viel weißes Zeug. Auch schön. Geh ich halt schneewehen.

(In Schuhen natürlich. Es soll ja Gegenden geben, in denen das Wörtchen „barfuß“ drei verschiedene Bedeutungen hat.)

Keine Steine im Bauch.

Das Töchterchen hat mich gefragt, ob ich mitmachen möchte: Sie testet die Steinzeit-Diät. Einen Monat lang nur Fleisch und Eier, Obst und Gemüse essen. Das heißt dann „Paleo“ und hat mit bewusster Ernährung ganz viel zu tun und mit Bioökonachhaltigkeit – natürlich – auch. Im Vordergrund steht die Vermutung, dass eine ganze Reihe von körperlichen Problemen in Verbindung mit Nahrungsmitteln zu verstehen ist, die der Steinzeitmensch noch nicht kannte, vor allem Milch- und Getreideprodukte.  Die Steinzeit dauerte ca. 2,5 Millionen Jahre, seitdem sind erst   ungefähr 10.000 Jahre vergangen. Sind Nahrungsmittelunverträglichkeiten, Autoimmunkrankheiten, Verdauungsstörungen und Kopfschmerzen nur eine Folge mangelnder Anpassung?

Töchterchen legt den Köder aus: „Abnehmen wirst Du dabei auch.“ Das wäre ja zu begrüßen. Doch nach einem Blick aus dem Fenster komme ich ins Grübeln: Da draußen ist November. Den übersteht man eigentlich nur ohne Depressionen, wenn man mittendrin seinen Geburtstag feiert, jeden Abend ein heißes Bad oder mehrmals täglich ausreichend Serotoninersatz zu sich nimmt.

„Zwei Wochen reichen.“

Ohne Franzbrötchen. Ohne Nutellakuchen. Ohne die gestern wiederentdeckte Weihnachtsschokolade, die so herrlich nach Zimt und Koriander schmeckt. Ohne Knäckebrot mit Camembert und einem hauchfeinen Überzug aus Marzipan-Kirsch-Marmelade. Ohne Käse-Makkaroni-Auflauf. Ohne eine dicke Scheibe frischen Körnerbrots mit gesalzener Butter. Ohne Bratapfeljoghurt.

Och nö.

Von glücklichen Kühen.


Kaugummi kauen macht schlau. Wie ungläubig wir diese Nachricht aufgenommen haben, als sie vor einigen Jahren über die Medien verbreitet wurde! Und dann die Auflösung: Kauen fördert den Blutfluss ins Gehirn, und weil das Gehirn Blut braucht, ist das gut. Für´s Hirn, für´s Lernen und Denken und überhaupt. Also ist Kaugummi kauen gut. Möhren kauen sicher auch. Essen an sich sowieso, möchte man hinzufügen, aber das ist nicht die Botschaft, für die die Kaugummi-Lobby bezahlt hat.

Apfelsaft dagegen ist schädlich. Auch diese wissenschaftliche Erkenntnis hat die Republik aufgerüttelt. Ein wunderbares Beispiel für einen Schuss in den Ofen. Weil immer mehr Eltern im nie abreißenden Bemühen, ihren Kindern Gutes zu tun, statt zu hinterlistigen Fertig-Tees lieber zum Naturprodukt Apfelsaft griffen, ruinierten sie die kleinen Beißerchen statt mit zuviel Industriezucker nun mit zuviel Fruchtzucker und Säure. Die Warnung war gerechtfertigt, aber verbreitet wurde sie ohne zuviel. Information. Oma und Opa haben seitdem jedenfalls nie wieder Apfelsaft für´s Enkelchen gekauft. Lieber Fanta oder Orangensaft.

Wenn die Wissenschaft etwas feststellt, dann muss es wohl stimmen. Und wenn die World Health Organisation nach der wissenschaftlichen Auswertung von 800 wissenschaftlichen Studien zu dem wissenschaftlich belegten Schluss kommt, dass Fleisch und Wurst ebenso krebserregend sind wie Röntgenstrahlen, Teer und Asbest, dann wird das wohl so sein? Solange wir nicht erfahren, was da genau in wessen Auftrag und mit welcher Fragestellung studiert wurde, müssen wir glauben. Nicht, dass Sie mich falsch verstehen: Den Fleischkonsum zu reduzieren, das ist durchaus in meinem Sinn. Aber bitte nicht mit solchen Methoden.

Ich wette, es gibt eine Studie über Darmkrebspatienten, denen eines gemein ist: Sie grillen gern. (Wir alle tun das.)  Es gibt wahrscheinlich noch mehr Gemeinsamkeiten, ihre Ernährungsgewohnheiten vielleicht, ein stressiges Berufsleben oder Arbeitslosigkeit, die Einnahme bestimmter Medikamente, Schimmel in der Wohnung oder andere unbewältigte Probleme. Aber alle essen Fleisch, und alle haben Darmkrebs. Mehr brauchen wir offenbar nicht zu wissen.

Wie ging dieses Kinderlied noch gleich? „Die Wissenschaft hat festgestellt, festgestellt, festgestellt, dass Schokolade Schnaps enthält – Schnaps enthält – Schnaps enthält…“