Einfach nicht beachten.

Wenn es mich in den Fingern juckt, einen politisch unkorrekten Beitrag zu schreiben, dann ist es meistens eine gute Idee, erst einmal das Treppenhaus zu putzen. Und mir dabei zu überlegen, wie ich mich positiv zum Thema äußern kann. (Positiv. Hören Sie die sanften Harfenklänge?)

Darf ich Ihnen zunächst meinen besten Freund vorstellen: Es ist mein innerer Schweinehund namens Schweini. Er bewahrt mich zuverlässig davor, Sachen zu machen, auf die ich keine Lust habe, ist nie um eine Ausrede verlegen und tröstet mich nach Fehlern und Fehlschlägen. Wenn ich aber Lust habe auf Süßes, Gefährliches, Unvernünftiges, dann fegt er Zweifel und Skepsis vom Tisch und wiehert vor Begeisterung. (Harfe aus.)

In den meisten Neujahrsgrüßen, die ich erhalten habe, wünscht man mir ganz lieb mehr „Achtsamkeit“. Hä?  Als wenn ich bisher keine Ahnung hatte, was mir gut tut. Oder nicht genug Mumm aufbrachte, um meine wahren Bedürfnisse zu befriedigen. Die neunmalklugen Magazine haben das Thema längst aufgegriffen und illustrieren ihre Texte mit meditativen Motiven und unberührter Natur. Dabei kommt diese Achtsamkeit durchaus dogmatisch um die Ecke: Schluss mit Sofa, Socken und Schokolade, besser essen sollst Du, genüsslich erschlanken, sanft sporteln, stilvoll entschleunigen, pipapo. (Und wenn Du schon dabei bist, kannst Du auch gleich Menschen aussortieren, eine schönere Wohnung mieten und weniger arbeiten. Habe ich etwas vergessen? Ach ja: Geld, Zwänge, Verpflichtungen spielen keine Rolle. Du musst nur wollen.)

Konkret: Verpass Deinem Schweinehund einen gütigen Rauschebart und mach ihn, vorzugsweise ausgestattet mit der Stimme von Barry White, zu einem besseren Einflüsterer: Nimm Dir Zeit! Nimm Dir alles! Denk doch auch einmal an Dich! Und dann trinkst Du ganz bewusst eine Tasse fair produzierten, grünen Bio-Tee und eigentlich ist nichts besser als vorher.

Da lob ich mir meinen Schweini: Der findet, ich soll mich man nicht noch zusätzlich unter Druck setzen mit diesem Achtsamkeitsdings. Außerdem wisse er, wo das Töchterchen die Bontjes vom Erntedankfest versteckt hat.

Klar achte ich auf mich, so gut es eben geht. Wer, wenn nicht ich? Was ich mir viel mehr wünsche ist, dass „die Anderen“, berühmt-berüchtigte Schnittmenge persönlicher und unpersönlicher Kontakte, achtsamer mit uns, unseren Gefühlen, unserer Arbeitskraft umgehen. Wünschen kann man sich das ja.

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4 Gedanken zu „Einfach nicht beachten.

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