Eine Frau.

Internationaler Frauentag also. Genau heute möchte ich Ihnen von meiner Mutter erzählen. 1933 unehelich geboren, folgte sie meiner Großmutter auf der Suche nach dem Glück in schwere Zeiten. Fremde Männer, noch schwerere Zeiten. Zwei weitere uneheliche Geschwister, meine Mutter war als Älteste in der Pflicht. Sie verdingte sich als Haushaltshilfe, als Magd, eine kleine Weile war sie in der Küche von „der Fita“ Benkhoff, einer Schauspielerin. Die war nett. Aber als meine Großmutter heiratete, musste sie mit. Dann starb meine Großmutter. Später, viel zu spät nahm eine entfernte Tante meine Mutter auf, um sie vor den Misshandlungen des Stiefvaters zu schützen. Sie schlug sich durch, irgendwie. 1957 heiratete sie meinem Vater in München: Zwei, die sich nach Liebe und Frieden sehnten, hatten sich gefunden. Drei Kinder bekamen sie, das Wirtschaftswunder bescherte Fernseher und Stereotruhe, Liebe und Frieden aber fanden sie nicht. Sie blieben zusammen, weil sie sich nicht trennen konnten. Waren enttäuscht, bitter, böse miteinander. Als mein Schwager 1993 ums Leben kam, da gingen sie Hand in Hand zur Beerdigung und weinten. Goldene Hochzeit 2007, ertragen aber konnten sie sich nur noch in der Not. 2012 starb mein Vater, meine Mutter blühte auf: Sie ging tanzen, sie las Bücher (am liebsten dicke, dramatische Liebesromane), sie lachte sich Verehrer an. Sie lachte. Einer der Herren steht noch heute fest an ihrer Seite, aber einziehen darf er nicht. Vor einem Jahr haben brutale Räuber ihr die lieben alten Knochen gebrochen. Weißwürscht habe ich ihr in die Klinik gebracht, damit sie überhaupt etwas isst. Laufen kann sie nun nicht mehr so gut. Der graue Star ist operiert, sehen kann sie nun aber auch nicht mehr so gut. Auf einem Ohr ist sie taub. Doch sie lacht wieder. Und wie.

Wie lange wusste ich nicht, dass meine Mutter lesen kann. Dass sie gern StadtLandFluss spielt. Und dass sie es nicht mag, wenn man sie an den Händen hält. Aber dass sie immer noch lacht.  Ein unglaublich ansteckendes Lachen. Ich habe keine Ahnung, wie sie das macht.

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5 Gedanken zu „Eine Frau.

  1. Eigentlich hättest du gar kein Bild dazustellen müssen, so viele Bilder entstehen beim Lesen im Kopf. Ich bin ganz berührt von der Geschichte, der leisen Lakonie, mit der du erzählst, Formulierungen wie dieser: „… folgte sie meiner Großmutter auf der Suche nach dem Glück in schwere Zeiten“.

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