Best of both Worlds.

Gerade als Ökotante weiß man ja den Luxus zu schätzen, den der Markt nachfrageorientiert präsentiert: Handgeklöppelte Sonntagsbrötchen nach altem Rezept von einem engagierten Startup, ein nachhaltig sauberes T-Shirt einer regionalen Manufaktur, liebevoll unlackiertes Holzspielzeug für das niedlichste aller Babys. Für die Kleinen ist uns ja eh nix zu teuer, und wenn man sich mit ein paar Dollar mehr auch gleich noch ein gutes Gewissen zulegen kann – warum nicht.

Und dann hat mich ein Satz aus einem Beitrag bei docvogel.wordpress.com kalt erwischt, aus einem Laos-Reisebericht, „In the Cloud“: „Vor allen ökologisch nachhaltigen und gesellschaftlich nützlichen Fortschritten soll gefälligst jeder seinen Enkeln mehr blödes Plastikspielzeug, gefälschte Markenturnschuhe, ein eigenes abgaspestendes Moped und ein Haus mit Innenklo aus Beton statt aus Lehm und Binsen kaufen können.“

Plastikscheiss ist böse, zweifellos. Und trotzdem freue ich mich, dass meine Tochter und ich auch mitten in Deutschland für ganz kleines Geld unglaublich bunte Buntstifte, irrsinnig glitzernde Notizblöcke, grell quietschende Söckchen kaufen konnten – alles made in Asia, giftig, umweltschädigend, alles glücklich machend. Ohne solche Wunderläden hätte ich ihr damals kein Tamagotchi-Plagiat, keine blinkenden Plateau-Schuhe und keine Powerranger-Zopfspangen schenken können. Kurz, ich hätte ihr ihre Kindheit versaut. Und ich selbst wäre nie in den Besitz einer Armbanduhr mit irisierendem Dino-Auge auf dem Zifferblatt gekommen.

Kürzlich habe ich einem jungen Syrer ein neues altes Bahnhofsfahrrad abgekauft. Zum Abschluss des Kaufvertrags lud er mich in seine Wohnung ein, bot mir Tee und eine selbstgebastelte kleine Köstlichkeit aus Kokos, Keks und Schokolade an (für die ich in einem Café ohne zu zucken 3,50 Euro gezahlt hätte, soviel zum Thema Geschäftsideen.) Als ich mich in dem karg ausgestatteten Mini-Zimmer umsah, folgte er meinem Blick und präsentierte dann mit leuchtenden Augen zwei abscheulich bemalte Plastikfigürchen in arabischen Gewändern – ein Geschenk eines Kollegen. Definitiv keine Handwerkskunst aus Damaskus. Aber trotzdem.

Lassen wir die Containerriesen mit dem Müll ruhig kommen. Und wer es sich leisten kann, muss ja nix davon kaufen.

2 Gedanken zu „Best of both Worlds.

  1. Du hast also auch so deine Probleme mit der Konsumgesellschaft. Die Ironie und der Sarkasmus ist sehr lesenswert verpackt, wie ich finde.

  2. hm, genau so. wenn wir unserer nachhaltigkeitserkenntnisse den armen, früher sog. „entwicklungsländern“ aufzwingen wollen, ist das zwar öko aber eben auch nur kolonialismus. Ich muss mich schon immer zusammenreissen, damit ich die moralklappe halte, wenn ich prollige jugndliche mit riesigen prallen primark-tüten sehe…

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