Weihnachten – was war das noch.

Bitte nehmen Sie eine feine heiße Tasse Tee oder Kaffee zur Hand, und eine Kuscheldecke, in die Sie sich einmummeln können. Denn es ist nun an der Zeit, sich zu erinnern an all das, was Sie am Advent lieben – oder einmal geliebt haben.

Ist es der Kranz aus Tannenzweigen? Die klebrigen Bastelhände und das duftende Harz? Den Karton mit dem vorweihnachtlichen Schmuck, die fast vergessenen Schätze? Zimtröllchen, getrocknete Orangenscheiben, Anissterne? Diese lustigen kleinen Pappmaché–Fliegenpilze? Das Schleifenband mit den Weihnachts-Walen? Ein schrumpeliges Kastanien-Rentier? Kerzen, voller Vorfreude gepropft für den Moment, in dem das flüssige Wachs überquillt und man endlich kneten kann? Flackernde Lichter, heimlich kokelnde Tannennadeln?

Ist es die Weihnachtsbäckerei? Sich in Rezepte verknallen, Teig!Teig!Teig!, verbotenes Naschen, süsse Förmchen, Mehl allüberall, Zitronenguss für die Plätzchen, Liebesperlen? Oder eher die Leckereien vom Weihnachtsmarkt? Wissen Sie noch, wie ein echter Bratapfel schmeckt?

Erinnern Sie sich an Ihr Lieblingsweihnachtslied? Das, was Sie ahnen ließ, dass etwas Wunderbares geschehen wird? Oder dass es wenigstens ordentlich schneit? Können Sie den Text noch?

Hautnah spüren, dass es Menschen gibt, die einem eine Freude machen wollen. Denen wir eine Freude machen wollen. Und dass sich die Mühe lohnt. Wenn Sie geheime Wünsche hätten, so für den Fall, dass es Weihnachtsmann/gute Feen/Flaschengeister & Co. doch gäbe – welche wären es wohl? Und wer könnte sie erfüllen?

Wie Sie Weihnachten feiern sollen, kann und mag ich Ihnen nicht sagen. Aber fragen, ob Sie den ganzen blinkenden, piepsenden, grellen, albernen, hässlichen Scheiss, der Ihnen genau jetzt lärmend als Weihnachtsdekoration verkauft werden soll, wirklich haben wollen.

Der Herzog, die Bäume und ich.

Nö, ich habe keinen neuen Freund. Gemeint ist Harry, besser bekannt als der Gatte von Meghan Markle.  Der ist ja nach einer wilden Jugend doch noch ein Guter geworden, der kleine Prinzen (und bald auch Prinzessinnen?) zeugt und sich auch sonst wohltätigen Zwecken widmet. Jetzt: Bäumen. Bäume boomen gerade, und das ist gut so. Um auf ihre buchstäblich wachsende Bedeutung hinzuweisen, hat der Herzog angekündigt, schöne Fotos von schönen Bäumen auf seinem royalen Sussex-Instagram-Account zu veröffentlichen. Bedingung/Wunsch ist, dass sie von unten nach oben geknipst wurden, gehastaggt mit #lookingup. Und Sie als aufmerksame Leserinnen und Leser wissen: Das macht diese Bloggerin schon laaaange – Zauberdächer knipsen! Und auch wenn ich stets 0 likes dafür bekomme, und auch wenn der Herzog sie doof findet – ich finde sie toll!

Das Schöne an der Baumknipserei ist ja, dass die sich nicht zieren. Die wollen sich nicht vorher Wimpern ankleben, sie machen keine duckfaces und sind auch nicht zu eitel, um als glückliche, aber müde junge Mama mit dem Neugeborenen zu posieren. Ein berühmter Fotograf soll einmal gesagt haben: „The best time to take a photograph is when it’s too cold, too windy, too wet, too hot, too early, too late, or you’re too hungry and too thirsty for anyone with common sense to worry about appearances, because it’s at those moments human energy becomes palpable.“  Kann dazu nur anmerken, dass ich regelmäßig beschimpft werde, wenn ich versuche, Menschen in solchen Situationen zu knipsen. Dann lieber Bäume, und weil Herbst ist – sehen Sie selbst. (Sie müssen auch nix liken :-))

Es ist nie zu spät, um ans Meer zu fahren.

Dass 98,7 % meiner Gene mit denen von Gorillas übereinstimmen, wundert mich gar nicht – Details erspare ich Ihnen. Aber meine Vorliebe für feuchte Wärme mit schweren Wolken und schwüler Luft kommt ganz sicher aus einer dunklen Regenwaldvergangenheit. Wo andere stöhnen, radle ich singend oder laufe federballschlägerschwingend zu Höchstform auf. Ein blauer Himmel ist natürlich auch toll, in drei tollen Jahreszeiten. Im Sommer ist das purer Stress.

Es wird erwartet, dass ich baden gehe, um mich abzukühlen. Abgesehen davon, dass ich nicht verstehe, warum man sich abkühlen sollte, wo es doch so schön warm ist, gehe ich gern baden: Im Wasser zu schweben, zu schwimmen, zu spaddeln und zu spielen ist himmlisch. Ich bevorzuge dazu den Pazifischen Ozean. Weil sich der jedoch nicht im Hamburger Südosten befindet, sehe mich gezwungen, zu einem der nahen Badeseen zu pilgern. Wie 1.000 andere. Und sie haben Grill und -gut, Wodka und andere Kaltgetränke, Ghettoblaster und jede Menge Freunde und Familienangehörige dabei. Ich beobachte, dass alle schwitzen, sich schützen mit Öl und Creme und dann in die Fluten stürzen. Ich beobachte nicht, dass das Klohäusl frequentiert wird. Überhaupt: Beobachten geht natürlich erst, nachdem ich zwischen Zigarettenstummeln, Kronkorken und Scherben ein Plätzchen für mein Handtuch gefunden habe. Im ehemals grünen Gras. Hier brauchst Du keine Angst vor Wespen zu haben, wispert mir die Zecke zu, die sich gierig auf mein Bein stürzt. Weil ich Blutsauger trotz generellem Krabbeltiertötungsverbot töten darf, töte ich. Und ekle mich mehr vor den Leichenteilen an meinen Fingern als vor dem Anblick der Fußnägel meines Liegenachbarn. (Dabei vergesse ich glücklicherweise, wer sich hier alles vor meinem Anblick ekeln könnte: Mein Bikini findet leider vor allem in den Körperfalten statt.) Hände waschen geht jetzt nicht, dabei würde ich mit dem Nass a.k.a. Drecksbrühe in Berührung kommen. Das ist keine lästerliche Übertreibung, sondern nichts als die Wahrheit: Hat mir doch ein zuständiger städtischer Mitarbeiter auf Nachfrage mitgeteilt, dass sich dieser See ab 20 Grad Celsius Wassertemperatur in eine Kloake verwandelt. Stört die meisten übrigens nicht. Deshalb ersaufen hier jedes Jahr Besoffene. Falls es den jungen Leuten von der DLRG nicht gelingt, sie vorher vom Schlauchboot aus zu retten.

Es reicht gerade noch für ein Sommersonne-Instaselfie, dann tropft mir der Schweiß von der Stirn und brennt in meinen Augen. Ich spüre einen Stich und weiß, es kann keine Mücke sein. (Und lerne später: Grinsende Kriebelmücken gibt es jetzt auch in Hamburg.)

Warum ich Ihnen das alles erzähle, fragen Sie sich nun. Ich mich auch. (Die traumatisierten Blesshühner auch.)

(Nur die toten Enten nicht.)

Plastik/Müll.

Ob ich eine Spielverderberin bin oder nicht? Diese Frage stellt sich in dem Moment, in dem ein netter Mensch meines Vertrauens feiert, dass er Ohrenreinigungsstäbchen ohne Plastik gekauft hat. Was soll ich tun: Loben oder hauen?

Wenn wir den Kindern doch noch eine halbwegs heile Welt hinterlassen wollen, geht das nicht mehr mit klitzeklein und Klopapier ohne Innenrollen. Es wird teuer, und es wird wehtun. An diesen Gedanken müssen wir uns nach 40 Jahren Umweltbewusstsein-for-fun gewöhnen. Also fragen Sie ruhig im Supermarkt nach kompostierbaren Obsttüten. Solange es Staaten gibt, die ihre Abfälle direkt in den Fluss oder ins Meer entsorgen, wird das nicht schaden.

Plastik ist kein anderes Wort für den Fürsten der Finsternis, sondern ein unglaublich wichtiger und vielseitiger Werkstoff. Schätzen wir ihn genug? Ich finde, wir müssen achtsam mit ihm umgehen, achtsamer als bisher. Und verstehen, dass er viel zu wertvoll ist, um ihn zu verschwenden. Da müssen wir ´ran. Über unser Konsumverhalten können wir mitbestimmen, Kunde König und so. Die gute Nachricht: Wir sind viele. Und: Mit der Erfüllung unserer Wünsche kann man Geld verdienen. Drei Vorschläge habe ich deshalb für Sie:

  • Hören Sie auf, Plastikmüll zu kaufen: Wegwerfartikel wie Einmalrasierer. Teller – und besteck. Konfetti, Geschenkpapier  und -band aus Plastik- oder Metallfolie, überhaupt: Dekoartikel aus Plastik. Finger weg. Der Mount Everest aus Billigklamotten, den die Textilindustrie periodisch produziert, die „modischen“ Plastikschuhe mit geringster Lebensdauer, der Ramsch, der uns als praktisches Schnäppchen überall angeboten wird. Wehren Sie sich. Kaufen Sie nicht.  
  • Kaufen Sie keine Sachen aus Plastik, die Sie nicht brauchen. (Das ist schwer. Habe mir den Werbeprospekt eines deutschen Discounters geschnappt und wollte ordentlich anprangern. Aber auch wenn niemand ein Einhorn als aufblasbares Schwimmtier braucht – kann man wirklich darauf verzichten? Wenn man großen und kleinen Kindern eine Freude machen kann? Da mache ich mich doch lieber unbeliebt und zeige mit dem Finger auf dekorative Kosmetikartikel in dekorativem Plastik.) Was brauchen Sie wirklich? Kann ich Ihnen nicht sagen. Entscheiden Sie selbst.
  • Kaufen Sie kein Gift. Davon ist viel in Plastik enthalten, und viel in den Produkten, die darin verkauft werden. Googlen Sie Bisphenol A. Laden Sie sich CodeCheck als App auf Ihr Handy. Dass Werbeversprechen eine Mischung und Märchen und Lügen sind, nehmen wir nachsichtig hin. Dass wir schädliche, zum Teil krebserregende Stoffe für unsere Körperpflege verwenden, weil wir den beworbenen (künstlichen) Duft mögen – geht’s noch? Das muss aufhören.

Je länger wir Plastikprodukte wiederverwenden, desto weniger müssen wir wegwerfen. Oder neu einkaufen. Klingt doch nach einem guten Anfang ?! Besser, als auf weitere Verbote zu warten. Wenn Sie also Ihr Zeug hegen und pflegen, dann machen Sie alles richtig.

Und ja, natürlich dürfen Sie gern weiter auch jeden anderen Beitrag zu mehr Umweltschutz leisten. Ich werde Sie schon nicht hauen.

(P.S. Das Photo zeigt Kunst auf dem Salzburger Mönchsberg.)

(P.P.S. Würden Sie es kaufen, wenn es einen Warnhinweis auf der Verpackung gäbe?

 

Wisch und weg.

Manchmal tropfen mir die Buchstaben direkt in die Finger, und dann schreibe ich ohne nachzudenken. Wenn ich zum Beispiel über deutsche Wetterfrösche wettern möchte, die noch immer jede sich abzeichnende dunkle Wolke bejaulen. Und Wetter nur dann schön finden, wenn es trocken ist. Weil es den meisten Medien leider nicht reicht, Fakten zu verkünden, werden „Emotionen“ über die Nachricht gestülpt – leider die falschen. Denn wenn man nicht gerade unerwartet klitschnass wird, ist Regen ganz wundervoll! Jedes Paradies braucht Wasser. Da kann man ruhig ´mal frohlocken, dass es ordentlich vom Himmel kommt. Auf Regen folgt Sonnenschein. Weiß jedes Kind.  Und um mit Anlauf in eine Pfütze zu springen, dafür ist man nie zu alt.

Manchmal fällt es mir schwerer. Wenn drei junge Bergsteiger verunglücken, zum Beispiel. Weil eine Lawine abging, wo keine abgehen durfte. Man könnte sich jetzt fragen, was sie da oben am Gipfel eines so gefährlichen und abgelegenen Berges überhaupt zu suchen hatten. Und für was es sich lohnt, sein Leben zu riskieren. Was das für eine unbändige Lebenslust ist, die diese drei wohl angetrieben hat. David Lama, Hansjörg Auer und Jess Roskelly waren Stars – ich kannte sie nicht. Die Nachrufe in den sozialen Medien sind beeindruckend, die Trauer groß: Ein geradezu verschwenderischer Einsatz von Emoticons (variabel drei betende Hände, drei Tränengesichter, drei schwarze Herzen), und unzählige RIP´s soll dies belegen. Dass sie „am Berg geblieben“ seien, relativiert die Tatsache nicht, dass sie mausetot sind. Und die Annahme, dass sie in diesem Zustand alle an sie persönlich  gerichteten Worte lesen oder hören würden – daran muss man wohl glauben. Unvergessen werden sie bleiben, das versichert man sich gegenseitig. Und kehrt zurück zur Tagesordnung: Wer kraxelt denn heute wo hinauf? Oh mein Gott! Amazing!

Der Klimawandel hat viele Gesichter.

 

Als wäre nichts geschehen.

Dass ich bis zu drei Leserinnen und Leser habe, das weiß ich und das freut mich sehr. Nun scheint ganz unerwartet eine vierte dazu gekommen zu sein, die sich statt für Social Media für mich interessiert: Hallo ‚Tante‘ Brigitte! Und weil ich noch nicht recht weiß, wie sich das verbinden lässt, erzähl ich heute einfach –

von meiner Angst, dass ich an ihre Haustür klopfe, und meine Mutter nicht mehr öffnet. Dass Oma Hella den Winter nicht überleben würde. Dass es nie wieder Amseln in meiner Hood geben wird nach dem Usutu-Desaster. Dass ich einen schlimmen Treffer kassieren werde, nachdem es in den letzten Jahren meine liebsten Freundinnen mit Brustkrebs, Herzinfarkt und MS erwischt hat. Dass mein großes Kind heil bleibt bei dem Versuch, jeden Tag mindestens einen Berg zu versetzen.

Und dann passieren schlimme Dinge. Und schöne Dinge. Und Dinge: Meine smarte, selbstbewusste Beutetochter konvertiert und heiratet einen afghanischen Autohändler – ohne uns. Mein Neffe wird in wenigen Monaten Papa, und er hat wirklich keine Ahnung, wie er das gemacht hat (Die polnische Mama hat glücklicherweise alles fest im Griff.) Leute regen sich darüber auf, dass Schulkinder demonstrieren. Sie regen sich nicht darüber auf, dass in Sachen Klimaschutz viel zu wenig passiert. Der Mann, dem ich seit drei Jahren nachweine, wünscht mir suenos del oro. Mehr werde ich nicht bekommen. Und die Welt dreht sich einfach weiter.

Und plötzlich ist es Frühling. Einfach so. Als wäre nichts geschehen.