Als wäre nichts geschehen.

Dass ich bis zu drei Leserinnen und Leser habe, das weiß ich und das freut mich sehr. Nun scheint ganz unerwartet eine vierte dazu gekommen zu sein, die sich statt für Social Media für mich interessiert: Hallo ‚Tante‘ Brigitte! Und weil ich noch nicht recht weiß, wie sich das verbinden lässt, erzähl ich heute einfach –

von meiner Angst, dass ich an ihre Haustür klopfe, und meine Mutter nicht mehr öffnet. Dass Oma Hella den Winter nicht überleben würde. Dass es nie wieder Amseln in meiner Hood geben wird nach dem Usutu-Desaster. Dass ich einen schlimmen Treffer kassieren werde, nachdem es in den letzten Jahren meine liebsten Freundinnen mit Brustkrebs, Herzinfarkt und MS erwischt hat. Dass mein großes Kind heil bleibt bei dem Versuch, jeden Tag mindestens einen Berg zu versetzen.

Und dann passieren schlimme Dinge. Und schöne Dinge. Und Dinge: Meine smarte, selbstbewusste Beutetochter konvertiert und heiratet einen afghanischen Autohändler – ohne uns. Mein Neffe wird in wenigen Monaten Papa, und er hat wirklich keine Ahnung, wie er das gemacht hat (Die polnische Mama hat glücklicherweise alles fest im Griff.) Leute regen sich darüber auf, dass Schulkinder demonstrieren. Sie regen sich nicht darüber auf, dass in Sachen Klimaschutz viel zu wenig passiert. Der Mann, dem ich seit drei Jahren nachweine, wünscht mir suenos del oro. Mehr werde ich nicht bekommen. Und die Welt dreht sich einfach weiter.

Und plötzlich ist es Frühling. Einfach so. Als wäre nichts geschehen.

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Das Jahr, in dem Nelly Furtado „maneater“ sang.

Eigentlich wollte ich über das Älterwerden schreiben. Das ist ja eine gute Sache, weil wenn nicht, dann tot.

Ich wollte berichten von den „Nebenwirkungen“. Dass die nette Apothekerin mir freundlich, aber hartnäckig Produkte empfiehlt, die ich jetzt unbedingt brauche (u.a. exklusive Vitaminbomben und Kräutertees gegen Wallen, Nasenhaare und Demenz). Dass mir engagierte junge Männer in Handy-Läden nur noch Supersonderangebote ganz ohne Haken ichschwör ans Herz legen, und die Beraterin der Sparkasse eine Sterbeversicherung. Dass Google & Co. auch wissen, was ich brauche, nämlich nur noch das Beste vom Besten. Und Kreuzfahrten. Und eine Rolex. Sogar meine liebe Hausärztin bietet mir Leistungen an, die keine Kasse zahlt – wegen ihrer guten Erfahrungen. Mein neues Radl ist eines dieser City Blades, schwarz mit roten Details, ein echtes Angeberfahrrad, knie- und hüftschonend übrigens. (Auf- und Absteigen ist heikel, wenn ich das Bein nicht über die Mittelstange kriege, fallen wir um. Aber sonst: super!) Der Verkäufer hatte mir eigentlich zu einem 1.000 Euro-eBike mit tiefem Einstieg geraten. Und im Bettenladen wurde ich genötigt, mir endlich eine gute teure Matratze zu kaufen, nach all den Jahren der Aufopferung, des Leids, des Kampfes. Man solle sich doch etwas gönnen in meinem Alter.

2008 war ein gutes Jahr mit einem norddeutschen Sommer. Und mit einer Reise in den Norden Afrikas, mit barfuß auf heißen Böden, mit Nachtdrachen, mit dem wehenden Duft von Pfefferminz und Jasmin und einem verbotenen Moped für drei. Ich trug schwarz, fast ausschließlich schwarz, weil ich die Hitze des Sternenhimmels auch am Tage spüren wollte. Zehn Jahre später trage ich noch immer gern schwarz. Aber es scheint nicht mehr o.k. zu sein. So wie tief hängende Jeans. Mit Löchern. Mini-Röcke. Micky Mouse T-Shirts. Chucks. Und hüftlange Haare. Alles wie immer.  Aber das passt doch gar nicht mehr zu Dir, höre ich oft. In Würde altern geht anders. Man muss auch ´mal loslassen können (in Klammern: die Jugend).

Deshalb möchte ich jetzt nicht mehr über das Älterwerden schreiben. Das überlasse ich Frauen wie Amelie Fried und Birgit Schrowange , die Ihnen überzeugend und charmant versichern werden, dass alles ganz wunderbar ist, wenn man bloß die richtige Einstellung hat. Und alles, was nicht wunderbar ist, ist pure Einbildung. Überhaupt, sind wir nicht alle einfach wunderbar? (zwinker, zwinker)

Das Jahr, in dem Nelly Furtado „Maneater“ sang, war das letzte Jahr, im dem ich mich echt nicht darum geschert habe, wie alt ich bin. Das hätte gern so bleiben können.

Eine Frau.

Internationaler Frauentag also. Genau heute möchte ich Ihnen von meiner Mutter erzählen. 1933 unehelich geboren, folgte sie meiner Großmutter auf der Suche nach dem Glück in schwere Zeiten. Fremde Männer, noch schwerere Zeiten. Zwei weitere uneheliche Geschwister, meine Mutter war als Älteste in der Pflicht. Sie verdingte sich als Haushaltshilfe, als Magd, eine kleine Weile war sie in der Küche von „der Fita“ Benkhoff, einer Schauspielerin. Die war nett. Aber als meine Großmutter heiratete, musste sie mit. Dann starb meine Großmutter. Später, viel zu spät nahm eine entfernte Tante meine Mutter auf, um sie vor den Misshandlungen des Stiefvaters zu schützen. Sie schlug sich durch, irgendwie. 1957 heiratete sie meinem Vater in München: Zwei, die sich nach Liebe und Frieden sehnten, hatten sich gefunden. Drei Kinder bekamen sie, das Wirtschaftswunder bescherte Fernseher und Stereotruhe, Liebe und Frieden aber fanden sie nicht. Sie blieben zusammen, weil sie sich nicht trennen konnten. Waren enttäuscht, bitter, böse miteinander. Als mein Schwager 1993 ums Leben kam, da gingen sie Hand in Hand zur Beerdigung und weinten. Goldene Hochzeit 2007, ertragen aber konnten sie sich nur noch in der Not. 2012 starb mein Vater, meine Mutter blühte auf: Sie ging tanzen, sie las Bücher (am liebsten dicke, dramatische Liebesromane), sie lachte sich Verehrer an. Sie lachte. Einer der Herren steht noch heute fest an ihrer Seite, aber einziehen darf er nicht. Vor einem Jahr haben brutale Räuber ihr die lieben alten Knochen gebrochen. Weißwürscht habe ich ihr in die Klinik gebracht, damit sie überhaupt etwas isst. Laufen kann sie nun nicht mehr so gut. Der graue Star ist operiert, sehen kann sie nun aber auch nicht mehr so gut. Auf einem Ohr ist sie taub. Doch sie lacht wieder. Und wie.

Wie lange wusste ich nicht, dass meine Mutter lesen kann. Dass sie gern StadtLandFluss spielt. Und dass sie es nicht mag, wenn man sie an den Händen hält. Aber dass sie immer noch lacht.  Ein unglaublich ansteckendes Lachen. Ich habe keine Ahnung, wie sie das macht.

Reset.

Der Nachhaltigkeitsblog endet hier. Ich bereite mich auf ein neues Abenteuer vor: Möchte noch einmal die Liebe finden. So richtig mit Magie, mit deep impact und elektrischen Fingerspitzen. Möchte Arme finden, die mich halten können, wenn ich Halt brauche. Möchte schlafen mit der Nase im Nacken des Geliebten und wenn wir schon dabei sind: Büsch’n öfter Sex wäre auch ganz o.k.

Ihnen allen friedliche und liebevolle Weihnachten! Schüüs…

California dreaming.


Einen Film über den Yosemite-Park gesehen, mich erinnert: Da war ich auch. Einen  Rucksack des Liebsten auf dem Buckel, ein Zelt, ein Flugticket, mehr brauchte es damals nicht, um vier Wochen durch den Südwesten der USA zu reisen. Geld? Man kann sich hervorragend von apple cinnamon tea und donuts ernähren, und die besten Sachen gibt es eh umsonst. Wenn wir wirklich etwas mehr haben mussten, wurde der nächste heranwedelnde Hund gestreichelt, tolles Tier! gorgeous! beteuert und erzählt, dass wir hamburger sind. Dann war uns eine Einladung sicher.

Heute nennen  wir es vielleicht Minimalismus, damals wusste ich nur, dass ich niemals mehr besitzen möchte, als in einen VW Bulli passt. Doch dann bekommt man ein Kind, baut ein Nest, baut eine Burg, und die Zwischenräume füllen sich, weil man viel mehr braucht für zwei. Viel kaufen konnte ich nicht: Wenn eine Frau nur ihre Liebe, ihre Haut, ihren Stolz und einen Halbtagsjob hat, dann ist Geld ein schwieriges Thema. Unterhalt habe ich nie akzeptiert, um nicht in Abhängigkeit zu geraten, betteln oder streiten zu müssen, die Beziehung nicht zu belasten, ein „freikaufen“ zu verhindern – ach. Auch Geschenke habe ich verweigert, wollte niemandem etwas schuldig sein.  Wo  ich staatliche Unterstützung in Anspruch nehmen musste, habe ich jeden Pfennig zurückgezahlt. Wären meine Eltern nicht gewesen – aber sie waren ja da.

Vor drei Jahren wurde mir dann klar, dass alles, was ich besitze, Müll ist in der Stunde des Todes (bis auf die Tupperware).  Ich habe seitdem ordentlich reduziert und bewahre nur das Zeug, mit dem ich wirklich leben will. Das Wertvollste, das ich besitze, ist mein Handy (ich ahne, wie sich die Augen des Töchterchens verdunkeln, wenn sie dies liest… sie hasst das Ding). Außerdem bin ich Mutterspeicher – unsere kleine Wohnung ist immerhin ein Elternhaus – und hoffentlich eines Tages Großmutter. Die Kisten mit den Legosteinen und den langhaarigen bunten Ponys vom Flohmarkt müssen bleiben!

Wenn ich meine Bilder aus den Rahmen holen würde, die Photos aus den Alben, meine Aufzeichnungen und einige persönliche Erinnerungsstücke herauskramte – ich würde immer noch in einen Bulli passen.

Alles richtig gemacht.

 

Kauft mehr Äpfel.

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Ende November (kalt!kalt!kalt! und nass wahrscheinlich auch) fahre ich von Hamburg nach Berlin, renne den ganzen Tag mit wichtigen Leuten herum, werde abends „empfangen“, am nächsten Tag Besichtigungen, mittags in den Zug und dann quasi auf der Hypotenuse durchs Land, um einen Mann zu interviewen. Nicht irgendeinen Mann, sondern einen der aufregendsten Männer des Planeten. Nein, nicht Obama. Auch nicht David Garrett.  Eher – überirdisch. Vielleicht kein Traummann, aber einer, von dem ich träume.

Ich sollte mich also warm anziehen. Bequem. Anständig. Hauptstadtstyle. Elegant. Party/Afterpartytauglich. Und dann sollte ich – nach einer langen Bahnfahrt – möglichst 10 Jahre flotter aussehen. Mindestens. Und möglichst zum Anbeißen. An dieser Stelle meiner Überlegungen bekam ich Atemnot: Ich HABE NICHTS ANZUZIEHEN!

Deshalb war ich heute in der Stadt – und kam mit einer Tüte knackiger Äpfel wieder nach Hause. Nicht immer nur anprangern, sagte schon die Kollegin. Sei doch ´mal konstruktiv! Schreib auf, wie man die Shoppingsucht stoppt. Als wenn ich das wüsste. Aber wenn man sich an folgende Tricks hält, dann geht’s eigentlich…

  • Alles anprobieren. Das ist mühsam und lästig und vermutlich der Grund, warum online-Shops so erfolgreich sind.
  • Es passt, aber nicht so richtig? Ärmel ein bisschen zu kurz, Abnäher an der falschen Stelle, eine Falte unterm Popo, eine verrutschte Taille? Dann ist es auch egal, ob das Label toll oder der Preis sensationell ist: Weg damit.
  • Wangenprobe: Es kratzt? Weg damit.
  • Nasenprobe: Schnuppern Sie ruhig. Duftet es schön chemisch? Nach Insektizid, Pestizid oder Fungizid? Schnuppern Sie ruhig noch einmal. Den Geruch kriegen Sie auch nach 100 x waschen nicht wieder heraus. Aus Ihrem Kopf.
  • Erinnern Sie sich!  Die Wahrscheinlichkeit, dass es für jeden nur denkbaren Anlass, jedes Wetter, jeden besonderen Auftritt schon ein Lieblingsstück oder ein perfektes Ensemble im Kleiderschrank gibt, liegt bei ca. 99 %. Das ist eine ganz besondere persönliche Kollektion, die Sie da zu Hause haben, echte Werte, handverlesen, sturmerprobt und heiß geliebt. Welche Schätze warten nur darauf, ‚mal wieder mit ihnen spazieren/tanzen/feiern zu gehen?
  • Alleine losziehen. Das muss ich eigentlich niemandem erklären, der nicht schon einmal vom Bummel mit der Freundin oder Kollegin mit übervollen Einkaufstaschen heimgekehrt ist. Zu zweit wird man ganz schön übermütig.
  • Abwarten. Es ist ganz erstaunlich, wie sich Wünsche entwickeln, wenn man ihnen Zeit gibt (oder: Wie man wieder zur Vernunft kommt).
  • Seien Sie wählerisch. Wir kaufen nicht bei jedem. Und keinen Scheiss. Sie wissen schon.

Ach ja. Außer den Äpfelchen habe ich mir auch etwas Nachtblaues geholt. Für alle Fälle.

Zwischenruf: weiblich, wütend.

  

Ich bin eine Frau.

Und das scheint zu bedeuten, dass jeder Mensch zu wissen glaubt, wie ich ticke. Weil ja alle Frauen gleich ticken. Wir Frauen eben. Interessieren uns für Handtaschen und Schuhe. Kucken am liebsten Liebesfilme. Heulen, wenn eine von uns heiratet. Haben Launen und unsere Tage. Wollen Prinzen und Glitzer. Und das Nest permanent verschönern. Finden unsere Körper unvollkommen. Dürfen unseren Liebsten auf die Nerven gehen. Sind hach! – so emotional. Kommen immer zu kurz. Reden zuviel. Wissen nicht, was wir wollen. Haben Herzen aus Gold, aber freuen uns, wenn Schlampen kriegen, was sie verdienen.

Geht´s noch?