Es ist nie zu spät, um ans Meer zu fahren.

Dass 98,7 % meiner Gene mit denen von Gorillas übereinstimmen, wundert mich gar nicht – Details erspare ich Ihnen. Aber meine Vorliebe für feuchte Wärme mit schweren Wolken und schwüler Luft kommt ganz sicher aus einer dunklen Regenwaldvergangenheit. Wo andere stöhnen, radle ich singend oder laufe federballschlägerschwingend zu Höchstform auf. Ein blauer Himmel ist natürlich auch toll, in drei tollen Jahreszeiten. Im Sommer ist das purer Stress.

Es wird erwartet, dass ich baden gehe, um mich abzukühlen. Abgesehen davon, dass ich nicht verstehe, warum man sich abkühlen sollte, wo es doch so schön warm ist, gehe ich gern baden: Im Wasser zu schweben, zu schwimmen, zu spaddeln und zu spielen ist himmlisch. Ich bevorzuge dazu den Pazifischen Ozean. Weil sich der jedoch nicht im Hamburger Südosten befindet, sehe mich gezwungen, zu einem der nahen Badeseen zu pilgern. Wie 1.000 andere. Und sie haben Grill- und gut, Wodka und andere Kaltgetränke, Ghettoblaster und jede Menge Freunde und Familienangehörige dabei. Ich beobachte, dass alle schwitzen, sich schützen mit Öl und Creme und dann in die Fluten stürzen. Ich beobachte nicht, dass das Klohäusl frequentiert wird. Überhaupt: Beobachten geht natürlich erst, nachdem ich zwischen Zigarettenstummeln, Kronkorken und Scherben ein Plätzchen für mein Handtuch gefunden habe. Im ehemals grünen Gras. Hier brauchst Du keine Angst vor Wespen zu haben, wispert mir die Zecke zu, die sich gierig auf mein Bein stürzt. Weil ich Blutsauger trotz generellem Krabbeltiertötungsverbot töten darf, töte ich. Und ekle mich mehr vor den Leichenteilen an meinen Fingern als vor dem Anblick der Fußnägel meines Liegenachbarn. (Dabei vergesse ich glücklicherweise, wer sich hier alles vor meinem Anblick ekeln könnte: Mein Bikini findet leider vor allem in den Körperfalten statt.) Hände waschen geht jetzt nicht, dabei würde ich mit dem Nass a.k.a. Drecksbrühe in Berührung kommen. Das ist keine lästerliche Übertreibung, sondern nichts als die Wahrheit: Hat mir doch ein zuständiger städtischer Mitarbeiter auf Nachfrage mitgeteilt, dass sich dieser See ab 20 Grad Celsius Wassertemperatur in eine Kloake verwandelt. Stört die meisten übrigens nicht. Deshalb ersaufen hier jedes Jahr Besoffene. Falls es den jungen Leuten von der DLRG nicht gelingt, sie vorher vom Schlauchboot aus zu retten.

Es reicht gerade noch für ein Sommersonne-Instaselfie, dann tropft mir der Schweiß von der Stirn und brennt in meinen Augen. Ich spüre einen Stich und weiß, es kann keine Mücke sein. (Und lerne später: Grinsende Kriebelmücken gibt es jetzt auch in Hamburg.)

Warum ich Ihnen das alles erzähle, fragen Sie sich nun. Ich mich auch. (Die traumatisierten Blesshühner auch.)

(Nur die toten Enten nicht.)

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Wisch und weg.

Manchmal tropfen mir die Buchstaben direkt in die Finger, und dann schreibe ich ohne nachzudenken. Wenn ich zum Beispiel über deutsche Wetterfrösche wettern möchte, die noch immer jede sich abzeichnende dunkle Wolke bejaulen. Und Wetter nur dann schön finden, wenn es trocken ist. Weil es den meisten Medien leider nicht reicht, Fakten zu verkünden, werden „Emotionen“ über die Nachricht gestülpt – leider die falschen. Denn wenn man nicht gerade unerwartet klitschnass wird, ist Regen ganz wundervoll! Jedes Paradies braucht Wasser. Da kann man ruhig ´mal frohlocken, dass es ordentlich vom Himmel kommt. Auf Regen folgt Sonnenschein. Weiß jedes Kind.  Und um mit Anlauf in eine Pfütze zu springen, dafür ist man nie zu alt.

Manchmal fällt es mir schwerer. Wenn drei junge Bergsteiger verunglücken, zum Beispiel. Weil eine Lawine abging, wo keine abgehen durfte. Man könnte sich jetzt fragen, was sie da oben am Gipfel eines so gefährlichen und abgelegenen Berges überhaupt zu suchen hatten. Und für was es sich lohnt, sein Leben zu riskieren. Was das für eine unbändige Lebenslust ist, die diese drei wohl angetrieben hat. David Lama, Hansjörg Auer und Jess Roskelly waren Stars – ich kannte sie nicht. Die Nachrufe in den sozialen Medien sind beeindruckend, die Trauer groß: Ein geradezu verschwenderischer Einsatz von Emoticons (variabel drei betende Hände, drei Tränengesichter, drei schwarze Herzen), und unzählige RIP´s soll dies belegen. Dass sie „am Berg geblieben“ seien, relativiert die Tatsache nicht, dass sie mausetot sind. Und die Annahme, dass sie in diesem Zustand alle an sie persönlich  gerichteten Worte lesen oder hören würden – daran muss man wohl glauben. Unvergessen werden sie bleiben, das versichert man sich gegenseitig. Und kehrt zurück zur Tagesordnung: Wer kraxelt denn heute wo hinauf? Oh mein Gott! Amazing!

Der Klimawandel hat viele Gesichter.

 

Als wäre nichts geschehen.

Dass ich bis zu drei Leserinnen und Leser habe, das weiß ich und das freut mich sehr. Nun scheint ganz unerwartet eine vierte dazu gekommen zu sein, die sich statt für Social Media für mich interessiert: Hallo ‚Tante‘ Brigitte! Und weil ich noch nicht recht weiß, wie sich das verbinden lässt, erzähl ich heute einfach –

von meiner Angst, dass ich an ihre Haustür klopfe, und meine Mutter nicht mehr öffnet. Dass Oma Hella den Winter nicht überleben würde. Dass es nie wieder Amseln in meiner Hood geben wird nach dem Usutu-Desaster. Dass ich einen schlimmen Treffer kassieren werde, nachdem es in den letzten Jahren meine liebsten Freundinnen mit Brustkrebs, Herzinfarkt und MS erwischt hat. Dass mein großes Kind heil bleibt bei dem Versuch, jeden Tag mindestens einen Berg zu versetzen.

Und dann passieren schlimme Dinge. Und schöne Dinge. Und Dinge: Meine smarte, selbstbewusste Beutetochter konvertiert und heiratet einen afghanischen Autohändler – ohne uns. Mein Neffe wird in wenigen Monaten Papa, und er hat wirklich keine Ahnung, wie er das gemacht hat (Die polnische Mama hat glücklicherweise alles fest im Griff.) Leute regen sich darüber auf, dass Schulkinder demonstrieren. Sie regen sich nicht darüber auf, dass in Sachen Klimaschutz viel zu wenig passiert. Der Mann, dem ich seit drei Jahren nachweine, wünscht mir suenos del oro. Mehr werde ich nicht bekommen. Und die Welt dreht sich einfach weiter.

Und plötzlich ist es Frühling. Einfach so. Als wäre nichts geschehen.

Oh, ein wildes Hoppspross!

Nö, das ist kein Grammatik-Fehler. Ist Ihnen schon aufgefallen, dass an markanten Orten gelegentlich Leute im Kreis stehen, tief über ihre Handys gebeugt und wie bekloppt tippen? Dann folgen Flüche oder Jubelschreie, und dann sind alle wieder weg? Ah, Sie wissen Bescheid: Es ist ein Spiel.

Schiggy, Glumanda und Co. kenne ich seit den Kindertagen meiner Tochter: Wenn sie zu Bett ging, trainierte ich ihre Taschenmonster mit Vergnügen. Ich war und bin fasziniert vom digitalen Spieleangebot, habe Tamagotchis gefüttert, an Laras Seite gekämpft, Moorhühner aufgeschreckt, Vögel auf Schweine katapultiert und kleinen Orangen geholfen, sich vor der bösen Gewitterwolke zu verstecken. Man möge es mir bitte nachsehen: Als Mädchen habe ich „nur“ draußen gespielt, einen Troll mit lila Haaren gekämmt und zu Weihnachten genau ein dickes Buch bekommen. (Dieses Trolltrauma hat dazu geführt, dass ich mit 30 auf Hamburger Flohmärkten Plastikponys mit bunten  Haaren aufkaufte. Dann war gut.)

Und nun können Sie mich bei Wind und Wetter draußen finden, auf der Suche nach zappelnden Goldfischen („Karpador“), flitzenden Küken (Flemmli“) und schaukelnden Walen (Wailmer“), die ich einfange. Jeder Kilometer, den ich zurücklege, hilft, Eier auszubrüten, aus denen Pikachu-Babys oder schillernde Aerodactyls schlüpfen. Ich sammele Sternenstaub und Bonbons, das brauchen meine kleinen Monster, um  groß und stark zu werden. Und ab und zu treffe ich mich mit anderen Trainern und hole ich mir ein besonderes Monster vom Himmel, um es zu hegen und zu pflegen: Einen weißen Drachen mit blauem Bauch oder Ho-Oh, den legendären Feuervogel.

Und hier ist mein Tipp für alle, die Fitness-Studios übelriechend und Pilates-Trainer unappetitlich finden, die zu blöd sind, um sich Zumba-Schritte zu merken und zu faul, um „Sport“ zu machen, die Spaziergänge ohne Handy in der Hand sehr lieben (aber nur, wenn es nicht zu heiß ist und nicht zu kalt und nicht zu windig und nicht zu nass) und die von sich selbst wissen, dass sie gern jagen und sammeln: Diese eine App sorgt für jede Menge Bewegung an frischer Luft, Erfolgserlebnisse, neue Kontakte, viel Vergnügen und kostet – nix.  Welche App ich meine, das kriegen sie schon selbst heraus. Fragen sie einfach eine Zwölfjährige…

Frohes Neues!

Sie kennen die Fakten, Herrschaften: Einmal im Jahr dürfen Kinder, Idioten und Besoffene nach Herzenslust mit Sprengstoff hantieren. Weit über 100 Millionen Euro werden dafür ausgegeben, Hauseingänge zu sprengen, Scheiben explodieren zu lassen, Körperteile abzureißen und ältere Damen vom Fahrrad zu bomben (ist glimpflich ausgegangen: Jacke tot, Hand heilt). Wie lustig es ist, Raketen aus der Hand zu starten und die Nachbarn auf der anderen Straßenseite ´mal richtig zu erschrecken. Oder dem Busfahrer einen Böller direkt vor die Frontscheibe zu ballern. Und dann, wenn Hamburg schlafen möchte, in jedem Hof einen Vogelschreck zu zünden. Die fallen alle aus ihren Betten!

Wenn ich ein neues Jahr wäre, würde ich mich bei so einem Empfang direkt wieder verpissen. Habe eine Anzeige gegen den Bürgermeister wegen Körperverletzung erwogen, aber auch hier gilt: Das muss man politisch regeln. Leider sind Silvesterspaßbremsen nicht gern gesehen bei den Grünen. Hamburg hat Wind und Stadtreinigung, lass uns lieber über Dieselfahrverbote reden. Außerdem machen es doch alle schon immer. Willst Du den Papis dieser Welt wirklich verbieten, vier Raketen in den Himmel zu jagen, nur weil Luft und Umwelt dann noch dreckiger sind als vorher?

Mein Vorschlag: Es werden Zeiten und Zonen ausgewiesen, wo die Knalköpfe unter sich sind, unter Aufsicht der Feuerwehr, auf öffentlichen Plätzen zum Beispiel. Oder die Gemeinden veranstalten Feuerwerke. Wenn man die Überstunden von Polizei, Rettungskräften und Ärzten in der Silvesternacht einspart, bleibt dafür genug übrig.

So, jetzt sind wir bei den guten Vorsätzen, same procedure as every year. Wollen Sie auch öfter auf Plastikverpackungen verzichten? Oder wollen Sie sich dafür einsetzen, dass unser Plastikmüll nicht in die Weltmeere entsorgt, sondern anständig recycelt oder sauber vernichtet wird? Wollen Sie mehr frisches Obst und Gemüse vom Markt kaufen? Oder mithelfen, dass gute Lebensmittel in jedem Supermarkt angeboten werden? Wollen Sie öfter zu Fuß gehen? Oder wollen Sie, dass sich jeder umwelt- und ressourcenschonende Autos leisten kann? Wie auch immer: Bleiben Sie gesund. Ich wünsche Ihnen ein friedliches und fröhliches 2019. Und immer eine Amsel im Baum vor dem Haus.

Das Jahr, in dem Nelly Furtado „maneater“ sang.

Eigentlich wollte ich über das Älterwerden schreiben. Das ist ja eine gute Sache, weil wenn nicht, dann tot.

Ich wollte berichten von den „Nebenwirkungen“. Dass die nette Apothekerin mir freundlich, aber hartnäckig Produkte empfiehlt, die ich jetzt unbedingt brauche (u.a. exklusive Vitaminbomben und Kräutertees gegen Wallen, Nasenhaare und Demenz). Dass mir engagierte junge Männer in Handy-Läden nur noch Supersonderangebote ganz ohne Haken ichschwör ans Herz legen, und die Beraterin der Sparkasse eine Sterbeversicherung. Dass Google & Co. auch wissen, was ich brauche, nämlich nur noch das Beste vom Besten. Und Kreuzfahrten. Und eine Rolex. Sogar meine liebe Hausärztin bietet mir Leistungen an, die keine Kasse zahlt – wegen ihrer guten Erfahrungen. Mein neues Radl ist eines dieser City Blades, schwarz mit roten Details, ein echtes Angeberfahrrad, knie- und hüftschonend übrigens. (Auf- und Absteigen ist heikel, wenn ich das Bein nicht über die Mittelstange kriege, fallen wir um. Aber sonst: super!) Der Verkäufer hatte mir eigentlich zu einem 1.000 Euro-eBike mit tiefem Einstieg geraten. Und im Bettenladen wurde ich genötigt, mir endlich eine gute teure Matratze zu kaufen, nach all den Jahren der Aufopferung, des Leids, des Kampfes. Man solle sich doch etwas gönnen in meinem Alter.

2008 war ein gutes Jahr mit einem norddeutschen Sommer. Und mit einer Reise in den Norden Afrikas, mit barfuß auf heißen Böden, mit Nachtdrachen, mit dem wehenden Duft von Pfefferminz und Jasmin und einem verbotenen Moped für drei. Ich trug schwarz, fast ausschließlich schwarz, weil ich die Hitze des Sternenhimmels auch am Tage spüren wollte. Zehn Jahre später trage ich noch immer gern schwarz. Aber es scheint nicht mehr o.k. zu sein. So wie tief hängende Jeans. Mit Löchern. Mini-Röcke. Micky Mouse T-Shirts. Chucks. Und hüftlange Haare. Alles wie immer.  Aber das passt doch gar nicht mehr zu Dir, höre ich oft. In Würde altern geht anders. Man muss auch ´mal loslassen können (in Klammern: die Jugend).

Deshalb möchte ich jetzt nicht mehr über das Älterwerden schreiben. Das überlasse ich Frauen wie Amelie Fried und Birgit Schrowange , die Ihnen überzeugend und charmant versichern werden, dass alles ganz wunderbar ist, wenn man bloß die richtige Einstellung hat. Und alles, was nicht wunderbar ist, ist pure Einbildung. Überhaupt, sind wir nicht alle einfach wunderbar? (zwinker, zwinker)

Das Jahr, in dem Nelly Furtado „Maneater“ sang, war das letzte Jahr, im dem ich mich echt nicht darum geschert habe, wie alt ich bin. Das hätte gern so bleiben können.

Klickvieh.

Ja, ich knipse. Jeden  Tag. Mit meinem Handy, das ich immer dabei habe. Die Stadt ist voller Motive, voll inspirierender Lichter, überraschender Perspektiven. Und oh die Schnappschüsse: Die Maus, die mich staunend durch die Scheibe der Chocolaterie beobachtete. Das junge Paar im Bus, das versuchte, sich auch im Schlaf noch zu küssen (und mit zwei geöffneten Mündern scheiterte). Nicht zu vergessen das tägliche Wolkentheater: Himmelbilder habe ich hunderte. Und Bäume, die niemand so fotografiert wie ich: als Zauberdächer.

Natürlich möchte ich diese Photos gern zeigen. Das eine oder andere findet Verwendung im Profil von WhatsApp oder in Beiträgen, aber ansonsten beschränkt sich das Interesse meiner sozialen Umgebung auf die, auf denen sie/er zu sehen  ist.  Die Lösung lautete: Instagram. (Dachte ich. Interessenten und Herzchen – yeah!)

Ein Jahr später habe ich ab und an ein Herzchen erhalten. Aber nur ab und an. Denn Likes bekommt man nur, wenn man selbst liked. Und Follower nur, wenn man selbst folgt. Ohne Follower bekommt man gar nix. Wenn man richtig erfolgreich ist, dann erhält jedes Photo tausende von Likes und Lob und Herzchen. Ob das Photo taugt, ist wurscht. Soweit ich es beurteilen kann, reicht es, die Farben hochzudrehen, Filter zu benutzen und dicke aufgemalte Augenbrauen (a.k.a. Haut) zu zeigen. Oder so etwas  Ähnliches wie ein isländischer Fußballspieler zu sein (erkennt man am Verhältnis von Followern zu Verfolgten).

Wenn man aber nur Pics liked, die man wirklich toll findet, und nur Leute abonniert, deren Pics man wirklich sehen möchte, dann bekommt man 0 Likes und 0 Follower und ist nicht erfolgreich.  Aber dafür sehe ich nur interessante Photos und bin kein Klickvieh. Das ist doch auch ganz schön :-).

PS: Nö. Sag ich nicht.